Die Einschulung ist ein großer Meilenstein, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. Zur Vorfreude mischt sich eventuell auch die Frage: „Ist mein Kind überhaupt bereit für die Schule?“
Oft wird dann begonnen, Buchstaben zu üben, Zahlen zu schreiben oder Arbeitshefte zu kaufen. Dahinter steckt meist der Wunsch, dem eigenen Kind den Start zu erleichtern. Die gute Nachricht ist jedoch: Die Kinder müssen zur Einschulung weder lesen noch rechnen können. Dafür gehen sie schließlich in die Schule 🙂
Die viel wichtigere Frage lautet: Kann mein Kind seinen Alltag zunehmend selbstständig bewältigen?
Schulfähigkeit bedeutet mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen
Wenn wir von Schulfähigkeit sprechen, wird zunächst oft an Wissenstand gedacht. Tatsächlich spielen aber ganz andere Fähigkeiten eine entscheidende Rolle.
Kann ein Kind warten, bis es an der Reihe ist? Kann es mit kleinen Enttäuschungen umgehen? Traut es sich, um Hilfe zu bitten? Findet es seine eigenen Sachen wieder? Kann es sich selbstständig Schuhe und Jacke anziehen?
Diese Kompetenzen machen den Schulalltag oft leichter, als das Wissen über Buchstaben oder Zahlen.
Als Schule erleben wir immer wieder, dass Kinder sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Manche kennen bereits das Alphabet, tun sich aber schwer damit, ihre Jacke anzuziehen oder einen Konflikt mit Worten, statt Gewalt zu lösen. Andere können noch keine Buchstaben benennen, sind dafür aber selbstständig, neugierig oder sozial kompetent.
Beides ist in Ordnung. Schule ist ein Lernort. Kinder müssen nicht „fertig“ sein, wenn sie eingeschult werden.
Selbstständigkeit ist eine der wichtigsten Vorbereitungen
Mit der Einschulung wächst die Eigenverantwortung. Plötzlich gibt es eine Garderobe, Schulranzen, Materialien, viele kleine Abläufe und Regeln, die selbstständig zu bewältigen sind. Und dies in einer riesigen neuen Gruppe von Kindern und Erwachsenen.
Deshalb hilft es Kindern enorm, wenn sie bereits vor der Einschulung Erfahrungen sammeln dürfen:
- die Jacke selbst an- und ausziehen, insbesondere die dicke Winterjacke
- Reißverschlüsse schließen, die doppelten sind besonders schwierig
- Schuhe anziehen und ordentlich ins Schuhregal stellen
- Sich nach dem Sport eigenständig und zügig selbst umziehen
- auf die eigenen Sachen achten und diese wiederfinden
- kleine Aufträge selbst erledigen
Natürlich muss das nicht perfekt funktionieren. Es geht nicht darum, das alles fehlerfrei klappt. Viel wichtiger ist, dass Kinder üben dürfen und die Erfahrung machen:“Ich kann schon vieles alleine schaffen.“
Den Schulweg rechtzeitig üben
Ein weiterer wichtiger Schritt ist der Schulweg.
Für Kinder bedeutet Schule nicht nur Unterricht, sondern auch ein Stück mehr Selbstständigkeit. Der Weg zur Schule bietet eine wunderbare Gelegenheit, diese zu fördern.
Laufen Sie den Schulweg mehrfach gemeinsam ab. Besprechen Sie die Gefahrenstellen, Verkehrsregeln und mögliche Unsicherheiten. Je vertrauter der Weg ist, desto sicherer fühlen sich die Kinder später.
Frustration aushalten lernen
Vielleicht ist dies sogar eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt.
In der Schule können nicht alle Bedürfnisse sofort erfüllt werden, da viele Kinder gleichzeitig betreut werden.
Manchmal muss gewartet werden. Manchmal klappt etwas nicht auf Anhieb. Manchmal verliert man ein Spiel, macht einen Fehler oder es möchte von den anderen nicht das in der Pause gespielt werden, was man selbst gerne spielen würde.
Kinder profitieren davon, wenn sie bereits vor der Einschulung lernen dürfen abzuwarten und das solche Situationen zum Leben dazugehören.
Mit Gesellschaftspielen, insbesondere „Mensch ärgere dich nicht“ lässt sich dies ganz wunderbar üben.
Wer Frustration aushalten kann, entwickelt Selbstvertrauen. Denn das Kind erlebt:“Auch wenn etwas schwierig ist, komme ich damit zurecht.“
Langeweile ist kein Problem
Die Kinder wachsen heute in einer Welt auf, die voller Reize ist. Der Impuls der aufkommenden Langeweile wird oft schnell im Keim erstickt und dem Kind werden unzählige Angebote gegen die Langeweile gemacht.
Dabei ist das Erleben und aushalten können von Langeweile eine ganz wichtige Fähigkeit. Es fördert nicht nur die Geduld und Frustrationstoleranz der Kinder. Es steigert auch die Kreativität, Fantasie und das Entwickeln von eigenen Ideen.
Sie lernen sich selbst zu beschäftigen und nicht immer neue Impulse von außen zu benötigen.
Auch dies hilft später sehr in der Schule, wenn man eine Stunde oder ein Thema „durchstehen“ muss, dass man als uninteressant empfindet.
Sitzen, zuhören und sich konzentrieren
Diese drei Dinge sind quasi die Kernkompetenzen um gut durch den Schulalltag zu kommen. Heute wird Unterricht zum Glück nicht mehr in rein frontaler Form durchgeführt und die Kinder müssen keine 45min auf ihrem Platz sitzen bleiben.
Es werden in einer Schulstunde verschiedene Lernmethoden angewendet und die Kinder können sich in der Regel ihren Arbeitsort selbst aussuchen.
Trotzdem ist es hilfreich, wenn Kinder bereits vor der Schule Erfahrungen damit sammeln, sich für einen längeren Zeitraum auf eine Sache einzulassen.
Das kann beim Basteln sein, beim Vorlesen, beim gemeinsamen Spiel oder beim Bauen mit Lego. Es geht nicht darum, still wie eine Statue zu sitzen, sondern darum, die Aufmerksamkeit für eine Aufgabe über einen gewissen Zeitraum aufrecht halten zu können und zuzuhören, wenn dies gefordert wird.
Soziale Fähigkeiten sind Gold wert
Schule bedeutet Lernen in einer Gemeinschaft.
Kinder müssen sich in einer Gruppe zurechtfinden, Rücksicht nehmen, eine gewisse Lautstärke und gewusel ertragen und Konflikte lösen.
Hilfreich ist es daher, wenn Kinder bereits lernen:
- um Hilfe zu bitten
- sich an Regeln zu halten
- Konflikte mit Worten zu lösen
- auch einmal zu verlieren
- Kompromisse einzugehen
- andere ausreden lassen
Diese Fähigkeiten begleiten Kinder weit über die Grundschulzeit hinaus.
Vertrauen statt Perfektion
Kein Kind startet perfekt in die Schule und dies wird auch überhaupt nicht erwartet.
Jedes Kind bringt seine eigenen Stärken und Schwächen mit. Manche Kinder sind besonders selbstständig, andere sehr kreativ. Manche sind mutig und offen, andere beobachten erst einmal in Ruhe.
Es geht nicht darum, alles vor der Einschulung zu können. Es geht darum, Kindern die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen zu sammeln und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.
Wenn Kinder spüren:“Meine Eltern trauen mir das zu“, dann nehmen sie genau dieses Gefühl mit in ihren Schulalltag.
Und vielleicht ist genau dies die beste Vorbereitung auf das Abenteuer Schule.
Kleiner Impuls To-Go
Fragen Sie sich nicht:“Was muss mein Kind vor der Schule noch lernen?“
Fragen Sie sich lieber:“Wo kann ich meinem Kind heute ein kleines Stück mehr Selbstständigkeit zutrauen?“